Mann für Mann am Damm

Die Flut macht allen einen Strich durch die Rechnung - Opfern wie Helfern.

Zunächst sollte die Brandschutzeinheit des Landkreises Oberhavel nach ihrem kräftezehrenden nächtlichen Einsatz an der Elbe am Montag um 15 Uhr abgelöst werden.

Schweißtreibend: Die Kameraden der Freiwilligen Feuerwehren Oberhavels sind im Katastrophengebiet an der Elbe im Einsatz, um die Deiche abzusichern. © MZV

Dann kommt ein neuer Marschbefehl für die 105 Kameraden aus neun Ortsfeuerwehren. Denn weiter im Norden, in Havelberg im Landkreis Stendal (Sachsen-Anhalt) brechen mehrere Deiche. Einige werden aufgegeben, andere sollen geflickt werden. Dahin rückt Oberhavels Brandschutzeinheit gegen 14.45 Uhr am Montag ab.

 

Doch von vorn: Am Sonntag fahren die Kameraden zunächst von Oranienburg aus gemeinsam mit 17 Einsatzfahrzeugen in den Landkreis Havelland, Treffpunkt Sammelraum Rathenow. Um 18 Uhr wissen sie, wo sie gebraucht werden. Bis kurz nach Mitternacht sichern sie mit Sandsäcken den Deich bei Fischbeck. Der Deich bricht dennoch. Nach einer kurzen Nachtruhe schlagen sie am Montag ihr Lager elbabwärts in Klietz auf. Noch einmal wagen sich die Männer Richtung Fischbeck vor. Als ihnen das Wasser auf der Bundesstraße 107, die parallel zum Deich verläuft, entgegenkommt, drehen sie um. Zu Fuß oder mit ihren Fahrzeugen kommen sich nicht weiter. Sechs Kabelitzer können noch mit dem Schlauchboot in Sicherheit gebracht werden. Mehr Hilfe ist dort nicht möglich, die Einsatzleitung muss umplanen.

Am Montag zur Mittagszeit warten die Oberhaveler so auf neue Anweisungen. Sie legen sich kurz aufs Ohr, bevor es wieder losgeht - wohin auch immer, vermutlich nah an die Elbe, hinein in die Flut, in die Nähe der bedrohten Deiche. Zu diesem Zeitpunkt - in Klietz scheint die Sonne bei angenehmen 25 Grad Celsius - wirkt René Smolarski nur kurz sehr verschlafen, als er ans Handy geht. Seit Sonntagnachmittag ist auch der stellvertretende Wehrführer der Hohen Neuendorfer an der Elbe im Einsatz. Klietz, Fischbeck, Kabelitz - so heißen jetzt die kleinen Orte, für die die Männer der Brandschutzeinheit zuständig sind. "Uns geht es gut hier. Wir werden allesamt ordentlich versorgt, sind noch mit anderen Einheiten untergebracht", schildert Smolarski. Sonntagabend hat er bei Regen Sandsäcke geschleppt, am Montag machte er bei Sonnenschein weiter. Sack für Sack reichte er seinen Kollegen, hinauf auf die Deichkrone und ins Hinterland zum Abstützen der löchrigen Dämme. "Wie lange wir bleiben, ist noch unklar. Jetzt, da der Deich doch gebrochen ist, ist die Lage nicht so ruhig, wie wir erhofft haben." Dann piept Smolarskis Handy drei Mal. Hohen Neuendorfs Wehrführer Norbert Nickel war noch kurz vorher im Hintergrund zu hören. Beim nächsten Abnehmen meldet sich Smolarski knapp: "Lagebesprechung.Später, ja?"

Schließlich wird klar, dass die Brandschutzeinheit - auf unbestimmte Zeit - weitermachen muss. Die Rückfahrt in den Landkreis Oberhavel, um die Technik wieder fit zu machen und um sich auszuruhen, wird verschoben. Die 105 Kameraden werden zu einem Einsatz nach Havelberg verlegt. Dort treffen sie auf Einsatzkräfte aus Spree-Neiße, um Deiche abzudichten und Menschenleben zu retten. Die Einheit aus Oberhavel besteht aus den Freiwilligen Feuerwehren Birkenwerder, Hennigsdorf, Hohen Neuendorf, Oranienburg, Amt Gransee und den Gemeinden Löwenberger Land, Oberkrämer, Mühlenbecker Land und Zehdenick. Schon im Jahr 2002, als die Regenfluten für eine Katastrophe in Deutschland sorgten, war die Brandschutzeinheit Oberhavels im Einsatz. Damals half sie in der Prignitz aus. "Doch jetzt ist es ungleich kritischer", sagt Kreisbrandmeister Frank Kliem, der von Oranienburg aus mit einem Team die Einsätze an der Elbe koordiniert. Kliem lobte am Montag "die Meisterleistung der Ortswehrführer", die innerhalb kürzester Zeit ihre Kameraden anriefen und in Marsch setzten.

6 000 Einsatzkräfte hat das Technische Hilfswerk (THW) zwischen Mecklenburg-Vorpommern und Bayern im Einsatz. Darunter auch zwölf Männer des Ortsverbands Gransee. Die Fachgruppe "Wassergefahren" half in Mühlberg (Elbe-Elster) mit zwei Booten und acht Mann. "Mit den Booten haben sie Sandsäcke transportiert, die von der Wasserseite aus für die Deichsicherung gebraucht wurden", teilt THW-Zugführer Frank Afhüppe mit. Sie waren seit vergangenem Donnerstag vor Ort und kamen am Montag zurück nach Osterne bei Gransee, "um ihr Material zu sortieren und zu säubern", sagt Afhüppe. "Wir warten jetzt auf weitere Einsatzbefehle. Die Leute sind sehr motiviert, sie wollen weiterhelfen." Die vierköpfige Granseer THW-Gruppe "Beleuchtung" sorgt seit Mittwoch, 5. Juni, südlich von Magdeburg für Licht, damit auch nachts Säcke mit Sand gefüllt werden können. Aber nicht nur die THW-Profis helfen, auch den Helfern wird geholfen.

Gegen 14 Uhr wurde am Sonntag auch die Katastrophenschutzeinheit "SEG Betreuung" des DRK Gransee beauftragt, 150 Feldbetten und Decken in das Havelland zu liefern, um in Groß Wudicke einen Evakuierungsstützpunkt einzurichten.

Quelle: http://www.die-mark-online.de
10.06.2013